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GENOMICS - DAS ZUKUNFTSRISIKO
Dr. Rainer K. Liedtke
 
 
DAS ÖFFENTLICHE BILD
Wie jede neue professionelle Szene hat auch die Biotechnologie ihre speziellen Bereiche mit Akzeptanz- und Image-Problemen. Diesen Bereich nimmt wohl zweifelsohne die „Genomics" ein, deren Aktivitäten im Bereich der Medizin mit sogenannter “Gen Therapie" umschrieben werden.
Daß hierzu einige negative Aspekte bisher nicht so deutlich ins öffentliche Bewusstsein kamen scheint zum einen auf geschickte Informationspolitik zurückzuführen, zum anderen auf Schwierigkeiten diese abstrakte Materie in ihren praktischen Auswirkungen zu verstehen. Da biologische Vorgänge, anders als mechanische Entwicklungen, verborgen ablaufen, werden sie meist eher unterschätzt. Dennoch sieht es nach einem systematischen Webfehler dieser Genomics Sparte aus, daß sie nun zwar seit Jahrzehnten ihre medizinischen Fortschritte hevorhebt, andererseits solche Fortschritte nicht so recht identifiziert werden können. Demgegenüber scheinen die von ihr ausgehenden und durchaus ungewöhnlich riskanten, Gefährdungen eher verniedlicht oder gar vernebelt. Vernebelung erscheint es beispielsweise auch öffentliche Vorbehalte zur Genomics summarisch mehr als "fortschrittsfeindliche Weltanschauung" darzustellen. Tatsächlich geht es hier aber um nachvollziehbare Fakten. Und die sehen keineswegs so positiv aus.
Über den gesamten Genomics Bereich hat sich zudem ein Netz wirtschaftlicher Argumente solcher Art gelegt, daß wenn man beispielsweise nichts für Genomics tue, "verliere man den Anschluß", "werde wirtschaftlich abhängig" "der Zug fahre ab" usw. Das wirtschaftliche Interesse an biotechnologischen Methoden ergibt sich u.a. aus deren einfacheren und damit wirtschaftlicheren Produktionen, z.B. einer Bioproduktion mittels genetisch umprogrammierter Bakterienstämme von wichtigen natürlichen Arzneistoffen (z.B. Insulin, Erythropoietin etc.) wie auch von zahlreichen anderen Stoffen mit Protein- (Eiweiss) oder Peptid-Struktur. Dazu gehören beispielsweise Enzyme, die man für andere technische Prozesse nutzbringend einsetzen kann. Die wirtschaftlichen Erfolge der ersten Biotech Firmen in diesem Bereich (Amgen, Genentech) haben sich sich einige der Genomics einfach mit angezogen obgleich die Zielsetzungen zur “Gen-Therapie" mit dieser Art Biotech Pharma absolut nichts zu tun haben.
Tatsache ist auch, daß die breite Bevölkerung keineswegs der gesamten Biotechnologie gegenüber reserviert ist, sondern sich Vorbehalte auf die Genomics konzentrieren. Diese geradezu reflexartig erscheinende Abwehrhaltung hat durchaus gute wissenschaftliche Gründe. Beziehen sich doch die Vorbehalte auf das was dort so alles unter dem Titel "genetische Korrektur,genetische Optimierung, Klonen" etc. angekündigt wird. Nicht hilfreich diese Vorbehalte zu entspannen ist auch das gesellschaftspolitisch unsensible Gehabe einiger ihrer Interessenvetreter.
DIE QUALITÄT TATSÄCHLICHER INFORMATION
Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations) der Genomics verstärken noch den Eindruck daß, je weniger wirkliche Substanz vorliegt, man dann um so mehr nichtssagenden Lärm machen muß. Wann immer ein eventuell verwertbares Ereignis auftaucht, beispielsweise die formale Ermittlung der DNA-Sequenzen (Bestandteile des Erbmaterials) des menschlichen Genoms (Erbmaterials) gilt es dort gleich als "historischer" Schritt und das baldige anstehen "kausaler Heilung" von Krebs, AIDS, Alzheimer usw. wird verkündet. Die über vollautomatisierte Routineschritte ermittelten Computerausdrucke des menschlichen Genoms mittels DNA-Sequenzierern (Maschinen die DNA bestimmen) sind aber nichts weiteres, als lange Buchstabenfolgen, die sich aus Dreiergruppen von vier verschiedenen Buchstaben zusammensetzten und informatorisch etwa 750 Megabytes entsprechen. Um den ermüdenden Routine-Prozess der Sequenzierung (Bestimmung DNA Bausteine) zu beschleunigen, hatte sich eine Firma (Celera) mit dem Geld von Venture Kapitalisten leistungsfähige Computer gekauft, die den Vorgang schneller machten als bisher. Zudem setzte man noch eine sogenannte "Schrotschuss-Methode" ein, die wissenschaftlich ungenauer ist. Das war schon alles. Liest man dazu die dramatischen Meldungen (e.g. eines Craig Venter), hat man nicht den Eindruck, daß es sich hier nur um eine (geschäftlich smarte) Rationalisierungs-Massnahme eines technischen Routinevorganges handelte, sondern, daß man damit wissenschaftlich das Rad neu erfunden habe. Weit weniger wurde dann aber darüber gesprochen, daß noch jeder medizinische Beleg fehlt, ob solche statistischen Computerausdrucke überhaupt biologisch verwendbare Realität wiedergeben. Die Buchstabenreihen selbst ergeben noch keinerlei nutzbaren Sinn, da sie nichts über die biologische Funktion verraten und sagten auch denen, die sie erstellt haben ungefähr so viel wie eine unendliche Reihe an Nullen und Einsern. Auf Basis der Existenz inhaltlich unbekannter Zahlenreihen gleich anstehende Krebsheilungen anzukündigen ist wissenschafltich unseriös. Diese “Prognosen” beruhten somit auf Wunschdenken und nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen.
Aber nicht nur Spekulationen und optimistische Prognosen, sondern auch Pflege allgemeiner Mythen gehört zur Genomics. So beispielsweise, daß sie selbst "Biologie" sei. Realität ist, daß die Genomics - dem gerade entgegengesetzt - künstliche Eingriffe in die natürliche Biologie vornimmt und solche Eingriffe im Endeffekt als eine Art Krieg mit biologischen Mitteln gegen die biologische Evolution anzusehen sind. Auch zum Bereich der Mythen gehört, Genomics erzeuge nur "natürliche" Stoffe: Durch die künstlichen Genmanipulationen, werden aber weit überwiegend neue Stoffe erzeugt. Diese entsprechen nicht Stoffen, die Zellen mit ihrem ursprünglichen (evolutionären) Genom erstellen. Sie sind daher auch nicht "natürlich", folglich auch nicht unbedingt verträglich (siehe weiter unten). Das gilt dabei für alle genetisch manipulierten Organismen, somit gleichermassen für Pflanzen wie tierische und menschliche Zellen.
DIE GRUNDPROBLEME
Es ist eine fundamentale Tatsache der molekularen Genetik, daß wenn man das Genom einer Zelle künstlich verändert, indem man in deren DNA ein fremdartiges Gen aus einem anderen Organismus einbringt, das so manipulierte Erbmaterial auch andere Proteine programmiert als die natürlichen. Daher produzieren genetisch manipulierte Zellen neue Arten von Proteinen. Solche neuen Zellprodukte sind für den Organismus durchaus Fremdstoffe, über deren toxische (giftige) Eigenschaften wenig oder meist nichts bekannt ist. Es ist hierbei auch gleich, ob diese Fremdsubstanz nun in einer veränderten Zelle produziert wird oder ob sie der Zelle von aussen zugeführt wird. Der biologische Stoffwechselapparat ist es gewohnt nur mit seinen ihm natürlich bekannten Stoffen umzugehen. So ist er ja gerade durch sein ursprüngliches Genom programmiert. Man hört immer wieder, daß die neuen Proteine (man denkt ja fast automatisch an die gesunde "Eiweiss-Nahrung") mehr oder weniger natürliche Stoffe seien. Dazu soll daran erinnert werden, daß z.B. die BSE ''Prionen'" auch Proteine sind, wenn auch nur "verdrehte". Doch gerade solche Molekülabwandlungen machen den Unterschied zwischen natürlich verträglichen und unverträglichen (ungesunden) Eiweißen aus. Auch einige der in kleinsten Dosen giftigen "Naturstoffe", wie sie beispielsweise in Schlangengiften, Skorpiongiften und Quallengiften etc. vorkommen haben nur "verdrehte" Protein- oder Peptid-Strukturen, aber eben nicht solche, die wir auch biologisch vertragen. Das ist nicht neu. Auch schon geringfügige Änderungen der Struktur von chemischen Arznei-Molekülen führen zu erheblichen Änderungen ihrer Wirkungen und ihrer Toxizität (Giftigkeit). Das nennt man Struktur-Wirkungsbeziehungen, und das gilt auch für die besonders kompliziert aufgebauten Strukturen der Proteine. Von den BSE Prionen wird eindrucksvoll demonstriert was Ablagerungen "verdrehter" Proteine im Organismus bewirken können.
Das Grundproblem der Genomics, ist ihre technische Zielsetzung, die als prinzipiell evolutionsfeindlich angesehen werden kann. Genau das birgt deren so erhebliches Risikopotential. Genomics Forscher reden davon den seit Millionen von Jahren ablaufenden selektiven Evolutions-Prozess (genetischen Auswahlprozess) zu verbessern. Evolution ist aber auch ein seit Millionen von Jahren erfolgender biochemischer Vorgang, bei dem schon Milliarden sich anpassender und selbstregulierender Gen-Reaktionen stattgefunden haben. Aus diesen Prozessen entstanden erst unsere lebensgerecht funktionierenden biologischen Gleichgewichte. Es ist somit zwangsläufig und vorhersehbar, daß es durch isoliert-künstliche Eingriffe in dieses biologische Gleichgewicht zu einer Destabilisierung der Biosysteme Mensch, Umwelt und Nahrung kommt. Dabei wird das bisher im Genom evolutionär mühsam erreichte funktionelle Gleichgewicht wieder künstlich und weitgehend nicht mehr umkehrbar (irreversibel) zerstört.
Einige Genomics Spezialisten fühlen sich aber durchaus imstande dieses komplizierte Zusammenspiel über ihre technisch einfache Einzelmanipulationen noch „besser" zu machen oder "korrigierend" beeinflussen zu können. Vorhersehbar ist, daß solche technischen Einzelattacken in komplexe Biosysteme (Organismen) hinein diese dann eher so destabilisieren, daß sie dadurch in Teilen oder gänzlich erneut lebensuntüchtig werden. Eventuell gute Absichten zu solchen Manipulationen spielen dabei keine Rolle. Das verheerende Ergebnis ist das gleiche. Darauf weisen u.a. die praktischen Erfahrungen der „Gen Therapie" (s.u.) hin.
Folgen solcher Manipulationen und Neuproduktionen sind vorhersehbar: u.a. neue toxische (giftige) Stoffe oder auch Viren, die toxische, cancerogene oder mutagene Eigenschaften besitzen können, somit das ganze Potential der Entwicklung neuer und bisher unbekannter Krankheiten. Interessenvertreter der Genomics nennen solche Ereignisse gern "äußerst unwahrscheinlich", "nicht möglich" oder gegebenenfalls auch "unvorhersehbare Ereignisse". Weder war es das, noch ist es das.
Wie schnell Genomics etwas daneben gehen kann, zeigte u.a. und nur beispielhaft eine Publikation (Journal of Virology', 2001, 75(3),1205)*, wobei plötzlich und "unvorhergesehen" bei einer solchen Manipulation aus einem bisher als kontrollierbar angesehen Virus eine Art von "Killer-Virus" entstand. Diesem Ereignis konnte man noch insoweit "Gutes" als Erkenntnis abgewinnen, daß es wohl auch für Bioterroristen relativ einfach sein könnte, sich derartiges einmal selbst herzustellen.
*) Es erscheint zweifelhaft, ob der Titel solcher Publikation für Laien sofort als brisant erkennbar wäre: "Expression of Mouse Interleukin-4 by a Recombinant Ectromelia Virus Suppresses Cytolytic Lymphocyte Responses and Overcomes Genetic Resistance to Mousepox". Ebenso würde wohl auch der kryptische Abschluß im "Abstract" ("These data therefore suggest that virus-encoded IL-4 not only suppresses primary antiviral cell-mediated immune responses but also can inhibit the expression of immune memory responses") nicht gleich bei jedem Laienleser Warnlampen aufblinken lassen, daß hier eine Gefahr droht.
Die Grundproblematik genetischer Eingriffe weist auch auf ein erhebliches Problem der hierbei beteiligten Forscher hin: “Gen Therapeuten” machen derzeit bereits klinische Heilversuche ohne die Grundlagen ausreichend zu kennen. Manches erscheint dabei vergleichbar mit dem Wissenstand als man noch glaubte man könne Tierblut bei Menschen einsetzen. Das hat man auch dort eine ganze Weile versucht, bis - nach dauernd fatalen Ausgängen - dann doch die Idee aufkam, daß hier etwas mit den Annahmen zum biologischen Grundprinzip (unterschiedliche Blutgruppen) nicht stimmen könnte. Am Denkschema scheint sich aber seitdem nichts Wesentliches geändert zu haben, denn die Frage, ob es sich bei den bisherigen Misserfolgen humaner Genomics Eingriffe nicht um einen technischen, sondern auch um einen prinzipiellen Denkfehler handeln könnte, scheint bisher nicht aufgekommen. Anders ist nicht nachzuvollziehen, man könne ein komplexes Biosystem - das dynamisch funktionelle Zusammenspiel aller Gene - damit gezielt beeinflussen, indem man nur an einer Stelle im Genom einen „falschen Schnipsel" entfernt und dafür einen „richtigen Schnipsel" einbringt. Daß das bisher nicht so funktionierte, wird als "unvorhersehbare" Effekte interpretiert. Bei geschätzt ca. 25-40.000 Genen (selbst die genaue Zahl an Genen ist ja noch strittig) kann man sich die astronomische Zahl kombinatorischer Möglichkeiten an wechselseitigen Beziehungen vorstellen. Mit punktförmiger „Gen-Korrektur" erzeugt man in einem komplexen Organismus mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Systemstörung - somit eine neue Krankheit - als einen "Gesundungseffekt".
Vielleicht ist es anschaulicher, wenn man sich dies an einem technischen Beispiel aus der Computerwisschaft vorstellt, wobei ein Ingenieur folgendermaßen seine "Reparatur-Chirurgie" bei einem Computer-Zentralprozessor mit Millionen interagierenden Schaltelementen betriebe: Er wählt sich zufällig einen der Millionen von Transistoren als zu korrigierenden Übeltäter aus und ersetzt diesen dann durch einen neuen Transistor - mit anderen technischen Kenndaten (den "Fremd-Transistor"). Nach Austausch würde er dann behaupten, nun sei im Zentralprozessor funktionell alles im wieder im Lot. Da das vorhersehbar nicht klappt und der Computer (wenn er so etwas "überleben" sollte) wohl anders funktioniert als bisher, bezeichnet der Ingenieur dann das Ergebnis seines Eingriffs eben als "unvorhersehbaren" Effekt. So ähnlich sieht das Denkprinzip in der derzeitigen „Gen Therapie" aus.
BISHERIGE ERFOLGE ?
Bekannt sind bisher mehrere Hundert Fälle "gen-therapeutischer" Interventionen, einschließlich einiger Todesfälle. Die Rate angestrebter Dauerheilungen tendiert gegen Null. Eine "Erfolgsrate" bei der sich jedes Pharmaunternehmen, wenn es mit solchen Vorkenntnissen klinische Arzneimittelversuche unternähme sowie mit dieser "Erfolgsrate" auch noch fortsetzte rasch auf strafrechtliche Folgen gefasst machen dürfte.
Bei den bisherigen punktförmigen Gen-Interventionen wurde dabei möglicherweise die Rate negativer Resultate noch dadurch abgemildert, daß komplexe Biosysteme über Möglichkeiten der Selbstreparatur verfügen. Das natürliche Genom wehrt sich gegen künstliche "Einzelkorrekturen", wobei es wieder alles in die richtige Reihenfolge zu bringen sucht, was äussere Einflüsse oder auch "Gen-Konstrukteure" dort verursacht haben. Gen-Reparaturen gegen schädliche Umwelteinflüsse (z.B. gegen Mutationen durch radioaktive Strahlungen) sind bekannt. Die natürliche Evolution besteht ja gerade in dem ständigen Bestreben und dem Prozeß sich gegen Gefährliches zu wehren um noch bestmöglich zu überleben.
Obgleich in den klinischen „Heilversuchen" mit erheblichen Defizit an Grundlagen-Kenntnissen vorgegangen wird und trotz der über Jahre ernüchternden oder gar schädlichen Resultate, scheint das Gen-Therapeuten nicht vom weiteren "Rumprobieren" abzuhalten. Auch erst ein Jahr später, nachdem beispielsweise der 18jährige Jesse Gelsinger an den Folgen so eines Versuches zur therapeutischen Gen-„Korrektur" verstarb (er hatte keineswegs ein lebensbedrohliches Leiden) sagten nun die hierbei beteiligten Forscher (Universität Pennsylvania, USA) daß sie glauben, daß das als Vector (Vehikel) zur Zielzelle eingesetzte Adenovirus (bzw. spezifisch dessen Protein-Hülle) den Tod des Jungen verursacht habe. Sie bezeichnen das als "Auslösung einer fatalen Kette von Ereignissen". Solch ein grundsätzlicher Risiko-Befund stellt die Sicherheit solcher Gen-Interventionen erheblichst in Frage *).
*) Immerhin hat die US Gesundheitsbehörde FDA in Folge dieses Disasters, diese Wissenschaftlergruppe von Gen-Versuchen auf unbestimmte Zeit suspendiert.
Zur Erzwingung und Finanzierung weiterer Versuche wird auch eine Mischung aus Angst und Hoffnungen eingesetzt, wobei mit Fakten verschiedentlich großzügig, teils auch mit Halbwahrheit, umgegangen wird. So suggeriert die Genomics, daß zur Krebs-Entstehung überwiegend, wenn nicht gar ausschließlich, die Gene verantwortlich seien, obgleich solide epidemiologische Studien nachwiesen, daß in über 60% nicht das Genom, sondern Umweltfaktoren das Entstehen von Tumoren hervorrufen *) .
*) Auch einer der DNA-Pioniere (Chargaff; entdeckte die DNA Basenkomplementarität ohne die eine Genom-Sequenzierung gar nicht möglich gewesen wäre) wunderte sich: "Die Humangenetiker werben mit dem Versprechen, jetzt könnte man endlich unheilbare Krankheiten heilen. Das ist eine alte Ausrede der Bioforschung. Es ist aber nichts geschehen. Falls sie wirklich das Genom abgelesen haben, möchte ich wissen, was das mit dem Krebs zu tun hat".
Ein weiteres Feld der Genomics ist die Altersforschung. Dort ergaben sich zwar Verbesserungen der Lebensqualität im Alter durch medizinische Fortschritte - aber keine davon stammen von der Genomics. Nicht nur blieb die Prognose zur genetisch manipulierbaren Verlängerung der Lebensspanne bisher unsubstanziiert, man fand sogar, daß man mit Manipulation des Zellzyklus in der Zellteilungsphase auch Entstehung von Tumoren auslösen kann.
Solche Bilanz macht verständlich, daß die Genomics-Branche eher sensibel reagiert, wenn solche Daten der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden sollen. Die US Biotechnology Industry Organization (BIO) brachte "Besorgnissse" gegen eine von der US Gesundheitsbehörde FDA vorgesehenen Regelung vor, die darauf abzielt, mehr Information über Gentherapie-Versuche der Öffentlichkeit zugänglich zu machen*) .
*) Sie argumentierte dabei mit der "Besorgnis", daß man bei Veröffentlichungen der FDA zu fehlgeschlagenen Gen Versuchen die Öffentlichkeit nicht "unnötig erschrecken" wolle. Naheliegender scheint, daß es der nicht so gefällt, wenn man ihren stets als segensreich verbreiteten Erfolgen ein öffentlich transparenteres Bild zu ständigen Fehlschlägen gegenüberstellt.
DAS ZUKUNFTS RISIKO - NUR EINE SCIENCE FICTION ?
Bei aller Zurückhaltung zu Zukunftsprognosen kann doch festgestellt werden, daß sich im Bereich der Genomics noch Dinge abspielen können, die bisher eher als reine Science Fiction abgetan wurden. Deren Risiken beinhalten eine tiefergreifendere Langzeitwirkung, als dies von allen bisher bekannten mechanischen Techniken bekannt ist.
Die Ursache hierfür ist die sich jeder Kontrolle entziehende biologische Selbstreproduktion.
Bisher hatte der Mensch noch nie gegen künstlich erzeugte biologische Neuproduktionen, somit sich selbst reproduzierende Fremdmechanismen zu kämpfen (wenn man von den rechtlich weltweit verdammten bakteriologischen Kampfstoffen absieht). Natürlicherweise haben wir es bisher dort nur mit den Erregern bekannter Infektionskrankheiten, Bakterien und Viren, zu tun. Gegen diese wurden im Rahmen der Evolution teilweise Immunitätsschranken aufgebaut. Dennoch besitzen einige der Bakterien ausgezeichnete Anpassungsmöglichkeiten genetisch ihre eigene Schlagkraft zu verstärken oder sich auch gegen menschliche Abwehrmassnahmen zu rüsten (Resistenzbildung). Übertragen auf den mechanischen Bereich ist so ein Scenario damit vergleichbar, daß sich der Mensch einmal mit intelligenten Robotern auseinandersetzen müsste, die sich immer wieder - sowie stets verbessert angepasst - selbst zusammensetzen könnten. Da solche Reproduktionsmechanismen in der Biologie verborgen und abstrakt verlaufen, werden sie dort schnell unterschätzt. Im Nahrungsbereich, der Grünen Genomics, werden die ersten Auswirkungen solcher "Neuschöpfungen" erst durch schleichend zunehmende Allergieraten sichtbar, während deren toxische Effekte noch nicht so offensichtlich scheinen, da diese derzeit epidemiologisch noch nicht genügend von anderen Faktoren abgetrennt werden können.
Der Unterschied zwischen einer "Titanic Katastrophe" und der durch biogenetische Prozesse, liegt somit in der Wiederholbarkeit. Die Titanic war ein einmaliger mechanisch-technischer Vorgang, der durch menschliche Unzulänglichkeit herbeigeführt wurde. Ein Schiff kann man gegebenenfalls auch nur einmal bauen. In der Genomics ist demgegenüber der biogenetische Kunstfehler eines "Gen-Konstrukteurs" nicht mehr heilbar, da er durch Selbstreproduktion ständig weiter aufrecht erhalten und wiederholt wird. Einmal künstlich in ein biologisches Informationsgefüge eines Genoms gelangte Änderungen, bleiben resistent und entziehen sich weitestgehend Nachkorrekturen und können zudem auch selbst eine Art intelligenter Abwehrmechanismen entwickeln. Dies gilt sowohl für Bakterien wie auch Viren.*)
*) Wie frappant das bei Bakterien möglich ist, zeigte die Ermittlung des Genoms von E. coli (gut bekannt von einigen "Outbreaks" nach "Hamburger" Katastrophen, bei der es schon zahlreiche Tote gab) und bei dem nun die Wissenschafler "überrascht" waren wie weit sich die krankmachende (pathogene) Variante von der harmlosen schon genetisch entfernt und “aufgerüstet” hatte (Nature, 2001, 409, 529-533: Genome sequence of enterohaemorrhagic Escherichia Coli O157:H7).
Noch verheerender als bei Bakterien ist eine Art von "stealth bomber Taktik" der Viren. Dies ist von Ausbreitungen der Viruserkrankungen (z.B. AIDS) bekannt, deren Fazettenreichtum bisher noch keine Therapie dauerhaft beherrschen konnte. Gleiches gilt auch zu einigen besonders gefährlichen genetischen Varianten der Grippe. Als anschauliches "Science Fiction Scenario" was alles passieren kann sei hier auch auf den diesbezüglich sehenswerten US Film "Outbreak" mit Dustin Hoffmann verwiesen.
Der Hauptwebfehler im System der "Gen Therapie" ist somit, daß deren Einzel-Manipulation zwar komplexe Organismen (Biosysteme) nicht dauerhaft umstellen können - somit die gewünschten Systemwirkungen verfehlen - diese Manipulationen dort aber noch ausreichen eine isolierte Produktion von Stoffen, auch neuer toxischer oder infektiöser Art, herbeizuführen.
Daher kann nur strikte Kontrolle aller solcher Versuche sowie die Pflicht zur vollen Aufklärung der Öffentlichkeit über alle Vorgänge der „Gen-Therapie" hier noch vor Schlimmerem bewahren. Als Schlimmeres wäre die "versehentliche" Konstruktion" künstlicher neuer Krankheiten zu verstehen. Dort wäre dann das Schreckens-Scenario des bereits genannten Films "Outbreak" nicht mehr fern.
Natürlich wäre es gesellschaftlich, wie auch wirtschaftlich, unvernünftig nicht offen zu sein chancenreiche neue Entwicklungen zu fördern. Sicher gehört dazu der Bereich der „Biotech Pharma". Leider lässt sich aber gleiches im Chancen/Risiko Verhältnis bei der Genomics/“Gen Therapie“ nicht erkennen. Hier überwiegen für die Allgemeinheit die Risiken in unvertretbar hohem Ausmass. Das hat etwas mit biologischen Fakten und nichts mit Weltanschauung zu tun. Es mag zunächst absurd klingen, aber im Rahmen dieser Genomics kann künftig durchaus einmal der Fall eintreten, daß durch biogenetische Kunstfehler "versehentlich" konstruierte neue Krankheitserreger auch erst wieder mit neuen biotechnischen Heilmethoden angegangen werden könnten, wobei man dann für diese neue "Therapie" auch noch teuer bezahlen müsste. Es besteht somit kein Anlass, sich als Preis für angeblichen Fortschritt nur neue künstlich erzeugte Erreger oder Krankheiten einzuhandeln. Die Öffentlichkeit muss sich im klaren sein, daß es sich hier auch nicht um regionale sondern globale Risiken handelt und sich die Biologie in ihren Auswirkungen sozial klassenlos verhält. Daher sind solche Effekte biologisch einmal gerufener Geistern für niemanden weder selektiv noch dauerhaft abschirmbar. Die Historie beweist zudem, daß alles was technisch denkbar ist eintreten kann auch stets so eingetreten ist.
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© 2010 Rainer K. Liedtke